“Sprechen wir Tacheles!”

Wolf Biermann:

Mich freut dieser Preis für aufklärerisches Handeln, obwohl ich um die Grenzen der Aufklärung weiß. Ich schmücke mich gern mit dieser Ehrung, obgleich ich mir sicher bin, dass andere Kandidaten, wie Heinrich Heine sagen würde: andere „Kämpfer im Freiheitskrieg der Menschheit“ solch eine Würdigung eher verdienen, tapfere kleine Soldaten, die aber in unserer Brave New Medienwelt nicht so groß im Lichte stehn.

Dass Ihre Wahl auf mich fiel, zwingt mich, eine kleine Rede zu halten, und so will ich die lässliche Todsünde gestehen, dass ich nur wenig über den Namenspatron dieses Preises gehört, nichts von diesem Theodor Lessing gelesen hatte. Mir reichte bisher voll und ganz der Nichtjude Lessing: Gotthold Ephraim Lessing, der deutsche Dichter der Aufklärung. Dieser Goi ist mir im Übrigen auch jüdisch genug, denn der hat ja seinem Zeitgenossen Moses Mendelsohn, dem deutschen Philosophen der jüdischen Aufklärung „Haskala“, das Hohelied der Toleranz, das Versdrama von Nathan dem Weisen, auf den Leib geschrieben.

Inzwischen kenne ich die romanhafte Lebensgeschichte des Kulturphilosophen Theodor Lessing und auch die blutige Ballade seines Todes. Ich las sein Buch „Der jüdische Selbsthass“, das immerhin auch von den Nazis bei der Bücherverbrennung geehrt wurde, als es im Mai 1933 in Berlin und auch hier in Hannover in die Flammen eines Autodafés geworfen wurde und zusammen mit Brechts und Heines Werken als Rauch aufstieg, so wie mein Vater, der Schlosser-Maschinenbauer Dagobert „Israel“ Biermann, genau zehn Jahre später in Auschwitz.

Als die Nazis am 30. Januar 1933 an die Macht gekommen waren, hatten all diese flagellantischen Verrenkungen der jüdischen Antisemiterei gar keine Bedeutung mehr. Theodor Lessing packte die Koffer und floh mit seiner Frau Ada nach Marienbad, also nach Böhmen in die Tschechoslowakei. Ich wusste von diesem großbürgerlichen Kurbad bisher nur, dass der greise Goethe der achtzehnjährigen Ulrike von Levetzow dort begegnete und dann seine „Marienbader Elegie“ schrieb. Dort nun wollte Theodor Lessing, so schön nahe an der Grenze zum Dritten Reich, eine Schule gründen für jüdische Emigrantenkinder. Was für ein umgekehrter Don Quijote! Er hielt die blutigen braunen Riesen für Windmühlen ohne Beine. Fünf Jahre später hätte Lessing sowieso weiterflüchten müssen. Aber diese Flucht blieb ihm erspart.

Goebbels setzte damals einen Kopfpreis von 80 000 Reichsmark auf Theodor Lessing aus. Auch das war eine Form der Würdigung. Diese Summe entspricht einer Million Euro. Und so haben zwei sudetendeutsche Nazis den exilierten Philosophen einfach durchs Fenster in seinem Arbeitszimmer abgeschossen. Das passierte im August 1933. Später zahlte das Deutsche Reich nicht mehr solche Unsummen für den Tod eines einzigen Juden. Von solch einer Extravaganz hatte ich noch nie gehört, und also verblüffte es mich: Anders als legendäre jüdische Selbsthasser, die wir etwas besser kennen: anders also als etwa Otto Weininger oder Karl Kraus oder Maximilian Harden war dieser Theodor Lessing eine Stufe komplizierter: Auch er war aus Liebeskummer mit Germania ein jüdischer Selbsthasser geworden, aber immerhin einer, der mit nietzscheanischer Radikalität seinen Hass von Herzen hasste.

Weil Theodor Lessing sich anders seine gescheiterte Liebe wohl nicht erklären konnte, beneidete er etwa den Übermenschen Nietzsche, wie auch seinen Jugendfreund, den protagonistischen Ökologen und Lebensphilosophen Ludwig Klages, um deren germanische Wurzeln im Barbarischen, im Nationalen, im antichristlich Heidnischen, im Völkischen. So suchte Lessing nach seinen wirklichen Wurzeln im jüdischen Volk. Das fand er im Osten. Darum liebte er nun romantisch diese Ostjuden, nun verklärte der Aufklärer als reifer Mann ausgerechnet die armen elenden zurückgebliebenen Jidden, die ja von den allermeisten assimilierten und akkulturierten Juden in Deutschland verachtet wurden. Die ordinäre jüdische Elite in Deutschland schämte sich der primitiven Verwandtschaft in Galizien, in der Bukowina, in Polen und Russland. Arthur Koestler ein extremes Beispiel: zum Lachen, zum Weinen, zum Kotzen.

Ja, es gibt sogar den monströsen Fall eines begeisterten Heil-Hitler-Juden, den Religionsphilosophen und Religionshistoriker Professor Dr. Hans-Joachim Schoeps. Im Februar 1933 gründete er den Verein national gesinnter Juden, dessen Firmenname schon alles sagt: „Der deutsche Vortrupp“. In seiner Zeitschrift schrieb er: „Der Nationalsozialismus rettet Deutschland vor dem Untergang: Deutschland erlebt heute seine völkische Erneuerung.“ Schoeps forderte eine „Beschleunigung der unbedingt notwendigen Trennung von deutschen und undeutschen Juden sowie Erfassung aller deutschbewussten Juden unter einheitlicher autoritärer Führung bei möglichster Umgehung der alten Organisationen“.

Hitler erwiderte dieses Liebeswerben nicht, denn der Führer war ein prinzipienfester Idealist. Hitlers egalitäre Rassenmörder stopften jedes beliebige jüdische Weltgenie und den bettelarmen Milchmann Tewje aus dem Schtetl ohne Unterschied in die gleichen Viehwaggons auf den Weg in die falschen Duschräume und in die echten Verbrennungsöfen. Professor Schoeps rettete sich 1938 nach Schweden, seine Eltern wurden in Theresienstadt und Auschwitz ermordet.

Als ich las, dass mein Freund, der Dichter Günter Kunert, den Theodor Lessing einen Propheten nennt, kam mir das aufgeblasen vor. Aber jetzt leuchtet es mir ein. In Lessings allerletztem Artikel, der grade noch in Deutschland gedruckt worden war, finden wir schon das, was die emigrierte Kernphysikerin Lise Meitner erst 1939 genau berechnete und deshalb auch tiefer durchschaute als Otto Hahn selbst, der seiner Kollegin, noch halb ratlos, von der ersten Kernspaltung im Labor 1938 aus Berlin nach Schweden ins Exil berichtet hatte. Lessing sagte genau das voraus: „In wenigen Jahren wird die Physik gelernt haben, Atome zu spalten. Dann erst kommt die eigentliche Gefahr für das Menschengeschlecht. Denn dann vermögen wir dank den Methoden der Naturwissenschaft endlose dynamische Energien zu gewinnen.“ Und damit landen wir im Jahre 2008 im Perserkrieg unserer Epoche. Diese Atombombe wird ja jetzt vom Mullah-Regime im Iran gebaut. Russland liefert dazu das Know-how, das Material, die Technik. Nordkorea liefert die moderneren interkontinentalen Raketen, China paralysiert im Verein mit den arabischen Staaten den Weltsicherheitsrat der Uno, damit in New York keine wirksamen Sanktionen beschlossen und durchgesetzt werden.

Und die CIA? Sie foppte vor zwei Monaten den Präsidenten der USA mit der Neuigkeit, dass im Iran seit 2003 doch nicht mehr an der Atombombe gebastelt wird. Vier lange Jahre haben die hochqualifizierten Penner des US-Geheimdienstes also gebraucht, um das rauszukriegen. Sogar der weltbekannte israelische Friedensaktivist Jossi Beilin fragte in diesen Tagen besorgt: Wie viel Jahre wird die CIA wohl brauchen, um zu merken, dass die iranische Bombe nun leider doch in unterirdischen Fabriken gebaut wird?

Die Welt wird es spätestens merken, wenn das kleine Israel durch eine schiitisch gesegnete Bombe ausgelöscht ist. Die Amerikaner sind offenbar keine Genies der Spionage. Im letzten Irakkrieg scheuchte die CIA die GIs der US Army zum Gespött der globalen Voyeure auf die Suche nach Massenvernichtungswaffen, ABC-Waffen, die Saddam Hussein vorsorglich ins verbündete Syrien in Sicherheit gebracht hatte. Sogar ich Privatmann und Laie weiß, dass die entsprechenden irakischen Fabrikanlagen und Labors, die Techniker und die Wissenschaftler mitsamt deren Familien inzwischen im nationalsozialistischen Reich von Baschar al-Assad leben und . . . arbeiten. Ein Kaspertheater mit echtem Menschenblut. Ja, es ist alles fatal. Die zerfledderten und verhedderten Europäer sitzen hilflos daneben und nerven mit ihrer verlogenen Äquidistanz-Politik.

Ach! und die wiedervereinigten Deutschen, sie haben aus ihrem verlorenen Hitler-Krieg nur eine dumpfbackige Lehre gezogen: „Nie wieder Krieg!“ Sie sollten lieber was Neues lernen: Nie wieder eine totalitäre Diktatur! Das käme langfristig günstiger, denn dann kriegen sie den Frieden als Gratisgeschenk dazu. Warum? Weil es bisher noch niemals in der Weltgeschichte einen Krieg gab zwischen zwei Demokratien. Der Historiker Herodot von Halikarnassos schrieb fünfhundert Jahre vor Christus über die Perserkriege: „Niemand wird so dumm sein, dass er Krieg wählt statt Frieden.“

Diese alte Weisheit gilt allerdings nur dann, wenn man die Wahl hat. Und wenn der iranische Präsident Machmud Achmadinedschad heute den Holocaust leugnet und im gleichen Atemzug Hitlers Werk mithilfe der iranischen Atombombe vollenden will, dann müssen die bewaffneten Juden in Israel den Krieg gar nicht mehr groß wählen, denn sie sind schon im Krieg, und das bedeutet: Sie müssen ihn führen und gewinnen oder sterben. Der kleine Hitler in Teheran nannte Israel jetzt „eine dreckige schwarze Mikrobe, genannt das zionistische Regime“ – ja, er ist ein Dichter. Aber das ist schlechte Poesie, es ist das prosaische Programm der Ausrottung.

Na klar ist Reden besser als Schießen. Den Juden in Israel muß das kein Friedensfreund erklären. Wenn aber alle Peace-Diplomatie und alle Variationen des Appeasements nicht helfen, dann wählt, wer überleben will, den Kampf ums Überleben, ja sogar dann, wenn es, wie im Warschauer Ghettoaufstand 1943, den eigenen sicheren Tod bedeutet.

Meine Leute in Israel, das sind fünf oder sechs Überlebende der Schoah, ein paar Schriftsteller in Tel Aviv oder Künstler, und erfahrene Kibbuzniks: alt gewordene Jeckes in Hazorea und die blühende Mischpoche Katzenelson in Sheffayim und die beiden Seneds in Revivim und nördlich von Haifa die Warschauer-Ghetto-Kämpfer im Lochemei Ha’getaot, die weise greise Badana im Ma’ale Ha’chamisha kurz vor Jerusalem – das klingt für deutsche Ohren so exotisch –, aber sie alle sind links und kritisch. Meine Freunde dort sind west- oder osteuropäisch, und sie gehörten immer mehr zu den Tauben als zu den Falken im innerisraelischen Streit. Diese Fremden dort sind für mich ein Stück Heimat geworden. Isses ‘n Wunder? – Mir leuchtet ein, dass diese Überlebenden der Schoah überleben wollen in diesem dreitausend Jahre alten Konflikt, der keine Lösung hat, sondern nur eine wechselvolle Geschichte.

Die diversen Tyrannen in den moslemischen Ölstaaten haben viel mehr Angst vor ihren eigenen Völkern als vor Israel. Schon lange wollten sie Israel und alle Juden liquidieren. Deshalb vergiften sie ihre Untertanen mit einem irrationalen Hass gegen Israel, deshalb schicken sie die gehirngewaschenen Selbstmordmörder in die Theater, Markthallen, Busse, Bahnhöfe und Schulen. All das ist nichts Neues. Neu ist, dass sie bald die Bombe dafür haben und dann auch einsetzen werden.

Reden wir Tacheles: Der Staat Israel ist in seiner politischen und kulturellen Substanz ein europäischer Staat, umgeben von totalitären Todfeinden. Er wäre sogar europäisch, wenn der Judenstaat auf Madagaskar oder in Birobidschan oder im Amazonasgebiet oder in Alaska gegründet worden wäre: Die Israelis leben in einer westeuropäisch geprägten Kultur, in einer Mischung aus Kibbuz-Sozialismus und kapitalistischer Hightech-Industrie. Das Land der Juden ist eine Demokratie im permanenten Krieg mit den antidemokratischen Staaten rundrum, bedroht von theokratischen, nationalsozialistischen oder feudalistischen Diktaturen, die seit Jahrzehnten alle Juden, die rechten, die linken, die araberfreundlichen Tauben, die Falken, die Aschkenasim, die Sepharden ins Meer treiben wollen. Israels Todfeinde sind in diesem Hass fast so idealistisch gesinnt, wie es ihr Idol Adolf Hitler war. Sie lügen nicht, sie tricksen kaum, es ist Verlass auf sie wie auf Hitler, der in „Mein Kampf“ offen alles sagte, was er denkt. Als er 1933 an die Macht gekommen war, tat er es auch. Gegen Ende des Krieges, 1944/45, hatten bei der Bereitstellung von Eisenbahnwaggons die Judentransporte Priorität vor dem Nachschub für die Wehrmacht. Der Titan des Völkermords Hitler kämpfte verbissener um die Endlösung als um den Endsieg. Heute sind es diese religionskriegerisch ideologisierten Todfeinde Israels, die ohne Rücksicht auf eigene Verluste die einzige funktionierende Demokratie und blühende Wirtschaft im Nahen Osten ausrotten wollen.

Und wir? Nicht aus heißer Scham und schlechtem Gewissen über die Schande der Schoah – nein, aus kühlem Eigeninteresse sollten wir uns die Pose einer gutmenschelnden Äquidistanz in diesem Dauerkrieg nicht leisten. In dem uralten, unlösbaren Konflikt zwischen den verfeindeten Brüdern Ismael und Isaak müssen wir Partei ergreifen für das demokratische Israel. Alles, was die Deutschen in diesem Sinne tun, beruhigt mein Herz.

Die EU hat jetzt Rumänien und Bulgarien als Mitglieder aufgenommen. Albanien, Georgien und die Türkei und Weißrussland wollen in die EU – alles Länder, die uns noch lange fremder sein werden als Israel heute. Vielleicht bin ich ein Träumer, aber sollten etwa nur meine kleine Tochter Mollie träumen dürfen und Martin Luther King „a dream“ haben? Wenn überhaupt noch ein Land, ein Staat, ein Volk, ein Wirtschaftsgebiet, dann gehört Israel gleich Griechenland und Italien in die EU. Ich wünsche mir in Berlin sturtapfere Politiker wie einst Winston Churchill. 1940 stand er zu Polen, als Hitler und Stalin sich die Beute brüderlich teilten, es lohnt sich, seine berühmte Rede „Blood, Sweat and Tears“ vom 13. Mai 1940 mal wieder zu lesen.

Auch ich geborenes Kommunistenkind musste es lernen: Ja, besser, gerechter, menschlicher soll die Welt werden – aber nach den Höllen eines utopischen Paradieses auf Erden sehne ich mich nicht mehr. So gibt es leider auch nicht den Weg des Immanuel Kant „Zum ewigen Frieden“. Und Freiheit tut eben weh. Demokratie ist unbequem, anstrengend, gefährlich. Freiheit bedeutet nichts anderes als Verantwortung tragen für sich selbst und für die Gattung Mensch.

Ich sehe in diesem heillosen Nahostkonflikt ein Lehrstück für die Welt. Nicht nur Israels Existenz ist da bedroht . . . das Volk der Juden in seinem winzigen Land kommt mir auserwählt vor, ja, aber nur im katastrophalen Sinn. Israels Schicksal sehe ich als ein Menetekel für die Völkerfamilie auf diesem winzigen Planeten Erde. Europa und die USA nehmen ab, und China, Indien, Afrika, Lateinamerika nehmen zu an Gewicht und treten ein ins globale Spiel. Der Nahostkonflikt kommt mir vor wie ein Lehrstück für kommende Kämpfe. Als Candide, als ein edler Naivling also, hat der Mensch keine Zukunft. Nur brav unseren Garten zu bestellen, das wird uns nicht retten. Ich sehe für die Menschheit eine Überlebenschance: Es muss sich hier auf Erden nur und sehr bald herumsprechen, dass die unvollkommenste Demokratie besser ist als die vollkommenste Diktatur.

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